Schaf oder Schlange? Freund oder Feind?

Ein seltsames Fabeltier starrte mich aus dem Gebüsch heraus an. Es hatte den sanften Körper eines Schafes, das man am liebsten zärtlich streicheln möchte, aber gleichzeitig den wiegenden Kopf einer Schlange. Die Augen noch brav und unschuldig wie ein Lämmchen, doch die Zunge bereits lüstern, gierig und gespalten.

Ich lag in einem Liegestuhl auf einer bunten Blumenwiese. Eine Idylle aus Sonne, Natur und Frieden. Doch um mich herum sah und hörte ich nur schreiende Menschen. Gestikulierend warnten sie mit hysterischen Stimmen: „Vorsicht! Der Biss dieses Ungeheuers ist tödlich! Traue ihm nicht!“

Noch erwiderte ich halb amüsiert und meine Verunsicherung überspielend: „Aber nein! Was redet ihr da?! Warum denkt ihr immer gleich so negativ? Es will nur spielen! Schaut es euch doch an: ein friedliches Schaf, das sich aus Angst und zum Selbstschutz wie eine giftige Schlange gebärdet!“ Mit ein paar Grashalmen wedelte ich dem Tier neckisch vor der Nase herum. Ich wollte mit ihm spielen und Vertrauen signalisieren, aber es gleichzeitig beruhigend auf Distanz halten. Denn – hundertprozentig sicher war ich mir nicht. Ich war bereits beeinflusst von den giftigen Worten der Umstehenden. Sollte ich meinem Gegenüber blind vertrauen? Oder sollte ich es erst gar nicht auf den geringsten Kontakt ankommen lassen und das Risiko, verletzt zu werden, ausschließen? Gibt es denn bei solchen zweideutigen Anzeichen den so genannten gesunden Mittelweg der Kompromisse? Oder musste man sich klar dafür oder dagegen entscheiden?
Noch bevor ich eine Entscheidung treffen konnte, schoss das Tier plötzlich wie ein Pfeil nach vorne, direkt unter meinen Liegestuhl. Jetzt wird es mir, ohne die Möglichkeit einer Gegenwehr, heimtückisch den Todesbiss versetzen! Meine naive Gutmütigkeit werde ich mit dem Leben bezahlen.

„Hiiilfe!“ schrie ich, bäumte mich auf, fiel aus dem Bett, schlug hart auf dem Boden der Tatsachen, nämlich auf dem Fußboden meines Schlafzimmers auf und erwachte benommen aus dem Traum. Und deshalb meine Frage an alle Traumdeuter unter euch: „Wollte dieses Wesen mir wirklich Schmerz zufügen, mich vielleicht sogar töten, – oder wollte es nur Schutz bei mir suchen und womöglich einen Freund finden? Hast du die Antwort?

Der Gesprächspartner. Oder: Wie man in der Kneipe Freunde findet…

Keine Ahnung, warum fremde Leute mir oft ungefragt ihr Herz ausschütten. Als sei ich die Briefkastentante einer Regenbogenzeitschrift, die sich jeden Schwachsinn anhört und für alle Wehwehchen eine Lösung aus dem Hut zaubern kann. Aber anscheinend kann ich ganz gut zuhören, obwohl mich das ab und zu in verdammt heikle Situationen bringt…
Neulich saß ich alleine am Tresen einer Kneipe und wollte eigentlich nur die Zeit bis zur nächsten S-Bahn totschlagen. Aber irgendetwas musste einem einsamen Zeitgenossen signalisiert haben, dass ich nur auf ihn als Gesprächspartner gewartet hatte. Jedenfalls klemmte er sich auf den Barhocker neben mir, schaute mich mit einem herzerweichend treuen Hundeblick an, schwieg noch eine Weile, aber als ich den Fehler machte, seinen Blickkontakt zu erwidern, begann aus seinem Mundwerk die Quelle zu sprudeln und wurde zum Wasserfall. Und zwar ohne zu versiegen…
Das Besondere an der Geschichte war nur: Ich verstand kein einziges Wort! Nicht dass der gute Mann eine mir unbekannte Fremdsprache benutzte, nein! Aber offensichtlich hatte er sein Gebiss verlegt, verloren, vergessen oder seine dritten Zähne waren in Reparatur oder er besaß vielleicht keine mehr und musste sich mit einem zahnlosen Mund behelfen. Und aus diesem Mund heraus kam ein unverständliches Genuschel, dagegen war Til Schweiger ein Waisenknabe. Aber mein Tresennachbar trug das Genuschel mit einer solchen Innbrunst und gesundem Selbstbewusstsein vor, dass ich sogar versuchte, den einen oder anderen Zusammenhang seines Gelabers zu erraten.
Vergeblich! Ich verstand nur Bahnhof. Trotzdem quasselte er unbekümmert weiter und sah mich sogar erwartungsvoll und um Zustimmung oder Ablehnung, zumindest um Verständnis heischend an. Denn nun hatte er sich heiß und in Höchstform geredet; seine Augen funkelten, seine Hände gestikulierten, sein Blick tendierte zwischen Anklage, Frage- und Ausrufezeichen. Gemessen an der Intensität seiner Körpersprache musste es ein furchtbares Schicksal sein, von dem er mir da erzählte! Also beschloss ich, so zu tun als ob ich ihn verstehen und auf ihn eingehen würde. Ich unterbrach ihn – wenn er mal kurz Luft holte und mich fragend ansah – mit irgendeiner nichtssagenden Floskel. Ich sagte zum Beispiel in seinen Wortschwall hinein: „Na so was!“ oder „Kaum zu glauben!“ oder „Tatsächlich?!“ oder „Das iss ja’n Ding!“ Jedenfalls schienen meine unverbindlichen Plattitüden an jeder Stelle seiner Geschichte zu passen, denn jedes Mal glänzten seine Augen daraufhin noch mehr, er nickte aufgeregt, schlug bekräftigend mit der Faust auf den Tresen und sein unverständliches Genuschel nahm noch mehr Fahrt auf, immer wieder kurz unterbrochen von meinen flüchtigen Einwürfen, die ihn aber nur dazu veranlassten, unser „Gespräch“ noch eine halbe Stunde fortzusetzen.
Ich weiß nicht mehr wie ich es geschafft hatte, mich dann doch loszueisen; jedenfalls sah er mir bei unserem Abschied dermaßen sehnsuchtsvoll und dankbar nach, dass mich noch tagelang sein Hundeblick verfolgte und ich einige Zeit später – weiß der Kuckuck warum – wieder in der Kneipe landete.
Mein zahnloser Gesprächspartner saß alleine an einem hinteren Tisch – keiner der anderen Stamm-Kneipenhocker hatte anscheinend Interesse, sich mit ihm zu unterhalten -, alle veranstalteten das übliche Kneipentheater; – nur er saß traurig und alleine in einer Ecke und hatte seinen Hundeblick aufgesetzt. Aber kaum hatte er mich bemerkt, stand er auf und war plötzlich wieder neben mir am Tresen.
Ich fragte: „Na! Wie geht’s?“ und er antwortete: „Prima, alter Kumpel! Ick freu mir dir zu sehn! Wie läuft et denn so? Allet paletti?“ Erstaunt schaute ich ihn an. Diesmal hatte ich jedes Wort deutlich verstanden.
„Ick hab’n neuet Jebiss!“ sagte er stolz und strahlte mich an. Er schob seine Finger in den Mund, zog zwei Zahnprothesen heraus und praesentierte sie auf dem Tresen. Zweimal sechzehn Kunstzähne fein säuberlich aneinandergereiht und in rosaroter Füllung verankert. Er steckte das Gebiss wieder in den Mund und sagte: „Allet von de Krankenkasse und vom Sozialamt berappt! Für mich Nulltarif total!“
„Das freut mich für dich!“ sagte ich und versuchte irgendwie aus der Nummer raus zu kommen. Aber er hatte sich bereits festgesaugt und fragte mit unschuldig strahlenden Augen: „Unn weeste wat MIR freut, Kumpel? MIR freut et, wie jut wir beede uns beim letzten Mal unterhalten hamn! Du warst der eenzige unn erste Mensch, mit dem ick mir uff Abhieb so jut vastanden hab! Ick hab‘ mir lange nich so jut mit jemand unterhalten wie mit dir! Du hast Ahnung von det Leid von andere Menschen! Du bist’n echter Kumpel!“ Damit legte er mir vertraulich seinen Arm um meine Schultern und sagte: „Willste mir nich’n Bier spendieren? Sozusaachen als Besiegelung von unsere Freundschaft…!“

Unter Huren und Legionären

Sie hakte den Büstenhalter vorne zusammen. Dann rückte sie ihre Brüste in dem mit weißen Spitzen besetzten Körbchen zurecht. Wie eine Obsthändlerin, die ihre Äpfelchen ein bisschen geziert aber kokett und selbstbewusst im Schaufenster drapiert. Ich wunderte mich, dass die BH-Spitzen blütenweiß waren; eher hatte ich vergilbte Schweißränder erwartet.
„C’est la premiére fois? Sie sind zum ersten Mal bei einer solchen Frau, Monsieur?“ fragte die Frau. „Sie haben noch nie zuvor pour faire l’amour bezahlt?“
„Oui Madame Simone!“ Ich war bereits beim Anziehen. Es war meine erste Erfahrung bei einer Berufshure. Nein, gezahlt hatte ich noch nie dafür. Wenigstens nicht so schamlos direkt. Irgendwie zahlen wir schließlich immer; eine Einladung zum Essen, die Blumen und letztendlich auch den Trauschein und seine Folgen.
„Das passiert öfters bei so sensiblen Typen!“ sagte die Frau. „Ich kenne das! Sie sind blockiert, Monsieur! Frustriert, weil Sie für die Liebe bezahlen sollen! Das ist gegen Ihre männliche Würde, Monsieur, wissen Sie …!“ Sie plapperte freundlich weiter, als wollte sie mir über die Peinlichkeit helfen oder sprachlose Leerräume vermeiden. Ich verstand nur Bruchstücke. Mein Französisch hatte sich zwar stark verbessert, aber dem schnellen provençalischen Dialekt von Marseille konnte ich kaum folgen. Die Geschichte war peinlich genug. Doch das freundliche Geplapper der Französin war tröstlich. Schließlich hätte ich auch an eine geifernde Hyäne geraten können; Pimmel und Psyche wären wohl noch mehr geschädigt worden.
Es hatte einfach nicht geklappt! Ich hatte, um es kurz zu machen, keinen hoch bekommen! Obwohl ich vor einer halben Stunde mehr liebesbedürftig als geil aber mit einer prallen Hose und der Frau aus der Bar raus und mit ihr hoch in die Absteige in der vierten Etage gestiefelt war. Und jetzt Schlappi auf der ganzen Linie, kaum dass ich ihr die drei Scheine für den Liebesdienst linkisch auf das Nachtschränkchen gelegt hatte. Irgendwie war die Verbindung zwischen Gehirn und Gehänge abgerissen.
Nach harter Wochenarbeit im Hafen war ich an einem Samstagabend auf meiner Suche nach Liebe oder einem anderen Zeitvertreib in einem dieser auf exotisch aufgemotzten Schuppen hinter dem Alten Hafen in Marseille gelandet. An der Decke hingen Fischernetze und verstaubte Positionslaternen; an der Wand klebten verblasste und eingerissene Farbfotos von Hawai-Mädchen, denen man im Dreieck zwischen den Beinen mit Kugelschreiber Löcher gebohrt hatte. Hinter der Theke zwei gerahmte Plakate mit Legionärsgesichtern. Die Legionäre strahlten für Frankreich wie gemeißelte Gipsmasken. Die Gesichter waren hart und kernig. Mit einem anderen Text hätte das Poster auch für die Waffen-SS oder die Rote Armee werben können.
Aus der Musikbox schmachtete „La Paloma“. Zwei Frauen rekelten sich an der Theke. Sie hatten an der Kleidung gespart, nicht an der Schminke. Sie taten gelangweilt, aber sie taxierten mich, wie sie jeden möglichen Freier taxieren, sobald er den Raum betritt. Eine Serviererin stellte mir wortlos die Flasche Bier hin. Gelangweilt schlurfte die Frau zum Tresen zurück und griff zu einer Zigarettenschachtel. Ihre üppigen Rundungen zeichneten sich auf einem geschlitzten Stofffetzen ab. Das Bier hätte eine Wärmflasche im Winterbett abgeben können.
Ein Legionär und ein Matrose stritten um den Schlitz der Musikbox, als ginge es um das Schatzkätzchen einer Jungfrau. Der Seemann wollte noch einmal La Paloma wählen. Gestenreich und laut bestand der Legionär auf Edith Piafs „La vie en rose“. Die beiden konnten sich nicht einigen. Der Legionär schlug zu und der Seemann lag am Boden und blutete aus der Nase. Tölpelhaft rappelte er sich auf, schnappte einen Stuhl und wollte sich auf den Legionär stürzen. Der Legionär wich ihm aus und der Seemann stürzte wieder auf den Boden. Eine der Huren sprang dazwischen und gab dem Legionär eine Ohrfeige. Der Legionär setzte sich an einen Tisch in der Ecke und muffelte verstört in sein Bierglas. Die Hure beugte sich über den Seemann am Boden. Dann rannte sie ins WC und kam mit einer Rolle Klopapier zurück. Sie riss ein Stück ab und wischte dem Matrosen das Blut aus dem Gesicht. Ihre Brüste waren aus der Bluse gerutscht. Prall und eindrucksvoll baumelten sie über dem Kopf des Matrosen. Der versuchte, seinen Mund zwischen die Brüste zu kuscheln. Trunken fingerte er nach den Brustwarzen, wie ein Kind im Halbschlaf nach der Mutter greift. „Nicht hier!“ sagte das Mädchen und zog den Matrosen hinter einen Vorhang in ein Nebenkabuff.
Ein besoffener und anscheinend völlig abgebrannter deutscher Ex-Legionär hatte mir aus seinem Leben erzählt. „Alles verpfuscht!“ lallte er. „Meine Alte iss’ne holländische Schlampe! Will mich inne Trinkerheilanstalt bringen! Will sich mein Haus untern Nagel reißen, die alte Schlampe! Jawoll, mein Haus! Hotel und Restaurant! Dafür hab‘ ich mir in Saigon und Algier die Eier abschießen lassen. Pour la patrie! Pour la France…!“ Er salutierte, schlug besoffen schlingernd die Hacken zusammen und hielt eine Hand schief an den Kopf. Er formte die Hände zu einem Trichter und trompetete: „Taramtatamtatamtataatata“ Seine trüben Augen mit den verquollenen Tränensäcken bekamen Glanz. Besessen und mit einem faszinierendem Irrsinn glotzte er auf das Legionärsplakat hinter der Theke. Da stand der Schwabbelbauch mit grauem, eingefallenem Gesicht vor den gemeißelten Gipsvisagen, die Realität vor dem Ideal, und glotzte blödsinnig aus der Schmuddelwäsche. Plötzlich riss er die Hände wie eine imaginäre Maschinenpistole vor den Bauch und knatterte auf das Plakat. „Rattatatata!“ schrie er. „Alle umlegen, diese Wichser!“ Sein Gesicht hatte sich zu einer Mischung aus dumpfer Blödheit und kindlicher Wut verzerrt.
„Lass‘ gut sein!“ sagte das Barmädchen zu ihm. Sie warf Geld in die Jukebox und wählte. „Vor der Kaserne, vor dem großen Tor …!“ Lale Anderson krächzend und in Deutsch.
Der Mann starrte in sein Glas. „Iss leer!“ lallte er und sah mich erwartungsvoll grinsend an. Ich bestellte zwei Bier. „Bist ’n Kumpel!“ sagte er und legte seine Hand auf meine Schulter. “Ick bin der Heinrich! Heinrich Kawutzke! Ehemals Groß-Berrlin! Jetzt Marseille am Arsch der Welt!” Er schlug wieder die Hacken zusammen und schrie ‘Heil Hitler’. Dann wurde er kumpelhaft und legte einen Arm um meine Schultern. „Wenn du mal kostenlos ficken willst, Kumpel, geh‘ zu meiner Alten! Jawoll, meine Alte fickt jeden hergelaufenen Pimmel, nur mich nicht mehr. Mich lässt diese verdammte Hure nicht mehr ran…!“
Jetzt wurde er wieder trübsinnig, legte die Ellbogen auf den Tresen, vergrub das Gesicht in den Händen und begann zu heulen. Das Barmädchen sagte zu mir: „Lass‘ ihn! Il est fou!“ und tippte sich an den Kopf.
Der Legionär schlug mit der Faust auf den Tresen. „Ich hatte alle Weiber dieser Welt, Kumpel, alle, sag‘ ich dir! Ab-so-lut alle!“ Er betonte jede Silbe. „Kleene Vietnammuschis in Saigon und Arabermuschis im Kinderpuff in Algier. Wenn wir kamen, Kumpel, da ließ die Puffmutter den roten Teppich ausrollen, jawoll, den roten Teppich! Wir hams jetrieben wie de Weltmeester! Wie de Weltmeester, sach ick dir! Tagsüber hamn uns die Araber ausm Hinterhalt abjemurkst und nachts hamn ihre Frauen uns die Gören gebracht! Ha!“ Mit dem Unterleib stieß er ein paar imaginäre Bewegungen gegen den Tresen. „Und wenn De Gaulle uns nicht verkauft hätte, ich wäre heute Colonel, Kumpel! Echt! Kannste mir glooben, Kumpel! Aber dann, bei dieser verkommenen holländischen Schlampe muss ich hängen bleiben …! Ich Arsch!“ Er rülpste und spuckte auf den Boden. „Jawoll! De Gaulle und diese Schlampe haben mein Leben verpfuscht …“
Er quasselte weiter und wiederholte sich. Schließlich hatte ich genug von dem Geschwätz. Ich sehnte mich nach Ruhe und Zärtlichkeit und wollte mich in etwas Warmem und Feuchtem verkriechen, auch wenn es mich einen halben Wochenlohn kosten würde; es gab Schlimmeres in diesem Leben. Mit der ruhigsten der drei Frauen war ich nach oben gegangen. Sie hatte so etwas Verruchtes und zugleich Mütterliches an sich, was mich anzog.
Sie hatte alles versucht! Mit einer Engelsgeduld! Striptease bei Rotlicht! Massagestab! Strapse! Dann sogar Französisch mit filigraner Mundarbeit, obwohl das nicht im Preis vereinbart war. Sie lutschte mir den Schlappi als wären es Honigbonbons. Sie küsste mir die Brustwarzen wie eine sich verzehrende Liebhaberin. Sie masturbierte sich selbst und ließ mich zuschauen, wie der Vibrator durch die schwarzen Kraushaare und dann kreisförmig um die Klitoris fuhr. Sie streckte mir ihren Hintern hin, und ich sah kleine Perlen tropfen. Es half nichts. Perlen vor die Säue geschmissen. Ich war ein Versager und trauerte mehr meiner verlorenen Männlichkeit als meinen verlorenen Geldscheinen nach.
Ich zog mich fertig an, ging zur Tür und sagte „Au revoir, Madame …!“
„Bitte!“ sagte sie zögernd. „Bleiben Sie noch auf eine Zigarette, Monsi-eur!“
Überrascht und unschlüssig blieb ich an der Tür stehen.
„Kommen Sie, setzen Sie sich! Bitte!“ Sie deutete auf das Sofa. „Es war nicht Ihre Schuld! Das kann jedem einmal passieren! Morgen sind Sie wieder in Form! Vielleicht ist es nur der Alkohol?! Komm‘, Lass‘ uns noch ein bisschen reden! Du bist mir sympathisch! Unten ist sowieso nichts mehr los!“ Mit einer verächtlichen Seitwärtsbewegung blies sie sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht. „Die Bauern aus der Provinz und die Vertreter kommen unter der Woche, niemals am Wochenende“, fuhr sie fort. „Da sind sie bei Mama und den Kindern! Und auf den besoffenen Legionär kann ich verzichten!“
Ich setzte mich. Sie bot mir eine Zigarette an. „Was willst du trinken?“ fragte sie. „Cognac oder Whisky?“ Sie hantierte an einem Schränkchen herum und kam mit einer Flasche und zwei Gläser an den Tisch zurück. Sie schenkte ein. Dann legte sie eine Schallplatte auf. Eine Frau sang als hätte sie alle Tiefen dieses Lebens schon hinter sich. „Edith Piaf!“ erklärte die Frau und summte zur Platte: „Non, je ne regrette rien!“ und hob ihr Glas. „Santè!“ sagte sie. Ich antwortete idiotisch „Prost!“ Wir tranken zügig. Die Frau füllte nach. Sie hatte wieder die Netzstrümpfe aber nicht den Slip angezogen. Jetzt hatte ich Lust, ihr unter den Rock zu greifen und zu streicheln, was ich warm und nass vermutete, aber das spielte sich nur im Kopf ab; mein geknicktes Lümmelchen hatte die Nachricht nicht empfangen.
„Haben Sie keinen …“, ich kannte das französische Wort nicht und sagte: „Niemand, der auf Sie aufpasst, pas de gardién ?“
„Du meinst, ob ich keinen Luis habe, keinen Macro, keinen Zuhälter?“ Sie lachte. Das Lachen klang bitter. „Keine Angst, mein Kleiner! Die Zeiten sind vorbei! Die Kerle suchen sich jüngere Puten, die richtig Geld bringen. Wenn man auf die Vierzig zugeht, hat man seine Ruhe!“ Sie schenkte Cognac nach. „Mein Letzter war ein Korse. Er hätte mit mir reich werden können! Aber das Geld ist bis auf den letzten Sous im Wettbüro gelandet und ich unten in der Bar! Jetzt hat er in Toulon zwei Afrikanerinnen laufen. Die Kerle finden immer wieder Dumme!“ Sie seufzte und lächelte zugleich.
„Haben Sie Kinder?“ fragte ich, um sie möglichst vom Thema abzubringen.
„Ich habe einen Sohn!“ Ihre raue Stimme hellte sich auf. „Er ist etwas jünger als du, gerade sechzehn!“ Als ich schwieg, sagte sie stolz: „Er ist in einem privaten Internat in der französischen Schweiz. Ist bald vorm Abitur. Ich besuche ihn regelmäßig einmal im Monat. Soll es mal besser haben …!“ Sie stand auf, ordnete die Plüschtiere und die Zierkissen auf dem Sofa und strich die gehäkelte Überdecke glatt.
Wir redeten über ihren Sohn und über ihre Mutter, die schon in der Erde lag und auch im Leben nicht auf Rosenblüten gebettet gewesen war. Und dann über mich und das Leben, das ich führe. Die Frau füllte wieder die Gläser.
„Hast du keine Lust, irgendwo sesshaft zu werden?“ fragte sie. „Ich meine, irgendeine Arbeit, die Spaß macht, wo das Geld stimmt, ein eigenes kleines Bistro zum Beispiel, und wenn du nach Hause kommst, wartet deine Frau mit dem Essen und mit der Liebe auf dich …!“ Sie sah mich an. Ich wich ihrem Blick aus und brummelte vor mich hin.
Sie fragte: „Glaubst du an die Liebe?“
„Ich denke schon …!“ sagte ich zögernd.
„Et alors?“ hakte sie nach.
„Sie ist mir noch nicht begegnet!“ wich ich aus und suchte nach Worten, mit denen ich das Thema wechseln könnte. Ehe und Familie! Wenn ich dem alten Mädchen meine Geschichte erzähle, würde sie ihren Beruf aufgeben und zur Heilsarmee konvertieren.
„Ich würde gerne für jemanden sorgen!“ sagte die Frau. Ihre Stimme wurde schwerer. Sie legte ihre Hand auf meinen Arm und rieb ihre Nase an meinem Ohr. „Immer nur diese kaputten Typen da unten, das ist doch nichts auf Dauer für eine Frau …!“ Sie schien langsam betrunken zu werden. „So ein Typ wie du, für den könnte ich noch mal da sein …!“
„Sie haben doch Ihren Sohn!“ sagte ich und kam mir albern vor. Die Frau streichelte meinen Kopf. „Mon petit! Mon pauvre petit! Mein Kleiner! Mein armer Kleiner!“ sagte sie. Ich ließ mich streicheln und sagte unbeholfen: „Das tut gut!“ Sie heulte ein bisschen. Als sie die Tränen abtrocknete, verwischte sie die Schminke um die Augen. Sie sah aus wie ein trauriger, alternder Clown, der beim Abschminken sich der Falten umso deutlicher bewusst wird. Ich griff zu der Schachtel, steckte zwei Zigaretten an und reichte ihr eine. Sie hielt mir den Mund hin und ich steckte die Zigarette mit einem Anflug von Zärtlichkeit und Vertrautheit hinein. Mein Finger berührte ihre Lippen. Die Frau lächelte sehnsüchtig und dankbar.
„Ich hab‘ Lust auf eine Dusche!“ sagte sie. Plötzlich wirkte sie ernüchtert. „Weißt du was, komm‘, wir duschen noch zusammen, bevor ich wieder runter zur Arbeit muss …!“ Sie deutete auf die Duschkabine in der Zimmerecke.
Ich dachte an meinen abgeschlafften Möchtegern, zog mich irritiert aus, schielte auf das Nachtschränkchen, in dessen Schublade meine sauer verdienten Geldscheine verschwunden waren und wankte mit Schlagseite benebelt unter die Dusche.
Die Frau kam nach und drückte sich in die enge Plastikkabine, die nachträglich in eine Nische des Altbaus gezwängt war. „Ich habe dir dein Geld wieder in deine Jackentasche gesteckt!“ sagte sie. „Keine Leistung, also auch keine Bezahlung! Nimm‘ das Geld, lach‘ dir morgen im Bistro eine nette Verkäuferin oder eine kleine Sekretärin an, eine die jünger ist als ich, glaube mir, die sitzen herum und warten auf einen Sonntagsprinzen! Lade sie ins Restaurant ein! Aber nicht hier in der Hafengegend! Hoch zum Boulevard Prado musst du! Dort sitzen sie in den schicken Cafés und langweilen sich. Besonders wenn die Männer im Fußballstadion von Olympic sind. Sonntagnachmittag ist die Stunde der einsamen Frauen! Überall auf der Welt! Glaube mir das! Mach‘ ihr dann ein paar Komplimente, rede mit ihr, sei nett, du kannst das! Logisch! Kannst du! Ich weiß es! Und du kannst sicher sein, dass sie mit dir im Bett liegt, noch bevor es Sonntagabend ist!“
Das warme Duschwasser perlte über unsere Körper. Während die Frau redete, hatte sie mir den Rücken eingeseift. Ihre liebevollen Berührungen waren zärtlich erotisch und mütterlich fürsorglich zugleich. „Du mir auch!“ sagte sie, reichte mir die Seife und drehte sich um. Zwei füllige Pobacken drückten sich gegen meinen Unterleib. Mein Versager begann zu zucken. Das Blut pulsierte hinein, er wurde steifer und lag plötzlich in voller Montur im Schlitz zwischen den beiden ausgeprägten Rundungen der Frau. Sie lachte und sang: „Olala, c’est bien! C’est très bien!“
Sie ging in die Hocke. Über der Höhe ihres Mundes vibrierte jetzt stolz mein Männerstolz. Mit der Zunge zärtelte die Frau über die Eichelspitze. Das war für mich unerfahrenen Kerl wie vierter Advent für einen Sechsjährigen. Bald musste Heiligabend und Bescherung sein! Dann hatte sie ihren Mund wie einen Saugnapf genau über den Ausgang gelegt und begann zu saugen. Sehr langsam, unaufdringlich, mit einer mir unbekannten Zärtlichkeit. In meinem Kopf tanzten Ameisen. Es war wie beim Bolero von Ravel. Mit den bekannten Steigerungen. Das waren nicht mehr die unbeholfenen Stümpereien der jungen Anfängerrinnen, die bisher mit mir geübt hatten. Es war mir, als würde sie das Menna von ganz weit aus der letzten kleinen Fußzehe hervor saugen. Stromstöße vibrierten durch bisher ungeahnte Nischen und versteckte Höhlen meines Körpers, machten an einer Gehirn-windung eine provozierende Pause und setzten dann umso intensiver ihre Loopings fort. Mit einer Hand streichelte die Frau meine Glocken als würde sie ihr eigenes Baby liebkosen; mit der anderen glitt sie langsam zu meinem Hintern. Sie tastete mich ab, steckte vorsichtig, wie versuchsweise, als wolle sie mich nicht erschrecken, ihre Fingerkuppe hinein. Erst ein paar Millimeter, erforschend, neckend, wohl auch provozierend, dann aggressiver bis zur Hälfte.
Als ich zu stöhnen begann, fragte sie: „C’est bon? N’est pas?!“ Ich nickte keuchend und wand meinen Hintern mit diesem neuen aber überraschend schönen Gefühl und sie bohrte den Finger ganz hinein, bis ich mich aufbäumte, bis ich tief in ihren Mund flutschte und von ihm eingeschlossen wurde wie im warmen Fruchtwasser, und ich aufschrie, ein Schrei, der musste doch durchs ganze Haus gellen? und meine Fontänen in ihren Mund, über ihre Lippen und in das träge sprudelnde Duschwasser spritzten.
*
Als wir abgetrocknet und angezogen waren, rauchte jeder noch eine Zigarette und sie fragte, ob es mir gefallen habe. „Es war schön, sagte ich. „So außergewöhnlich aufregend!“ Ich stammelte, weil ich das französische Vokabular zusammensuchen musste. “So schön wie noch nie zuvor in meinem Leben!” Wie soll man dieses Erlebnis in einer fremden Sprache erklären? Selbst auf Deutsch hätten mir die Worte gefehlt.
Dann brachte sie mich vor die Haustür. Ich wollte ihr die Hand geben oder einen angedeuteten Kuss auf die Stirn hauchen und mich wegschleichen. Aber sie schlang ihre Arme um meinen Hals. “Weißt du …”, begann sie, stockte und flüsterte schließlich. “Ich sollte dir so etwas eigentlich nicht sagen. Aber …, du solltest nie mehr, hörst du, nie mehr in deinem Leben zu einer …, ich meine, zu einer Frau gehen, bei der du bezahlen musst!” Sie küsste mich schnell und verstohlen auf den Mund, drehte sich um und schlüpfte in die Bar.
Abgeschlafft schlich ich die schummrig beleuchtete Gasse der Altstadt hinauf zu meinem Hotel. Suchend fingerte ich in meinen Jackentaschen nach den drei Geldscheinen, konnte sie aber nirgends finden.

Flirtversuch mit Traumfrau

Oh, wie hatte es mich erwischt! Amors Pfeil traf mich wie der berühmte Blitz aus heiterem Himmel. Sie hatte mich angelächelt wie ein geheimnisvoller Engel. Nur Engel aus dem siebten Himmel oder noch ein paar Sphären höher können so verführerisch lächeln. Sie hätte tausend andere auf dieser lebhaften Straße anlächeln können, aber ICH war gemeint, davon war ich überzeugt wie nur ein unsterblich verliebtes Mannsbild überzeugt sein kann.
Im offenen Cabrio war sie an mir vorbeigefahren. Ach, was heißt gefahren? Geschwebt war sie! Mit wehenden Haaren und einem duftig-weichen Schal um den schlanken Hals, wie ein vorbeirauschendes Geschöpf aus einer Parfüm-Werbung. Und im Bruchteil einer Sekunde wusste ich: DAS ist meine Traumfrau! Eine jener Frauen, von denen man heimlich träumt und niemanden davon erzählt, um sich nicht als Spinner der Lächerlichkeit preiszugeben.
Ein Engel mit Charme und Natürlichkeit, ein Zauberwesen mit Ausstrahlung und Esprit. Einfach perfekt, wie sie den Kopf gehoben und gelächelt hatte, mit feinen, klugen Gesichtszügen und offenen Augen, die tieferes versprachen als nur ein erotisches Abenteuer.
Und warum sollte eine junge Frau mich nicht anlächeln? Ich war nicht übel, zwar schon etwas älter und angegraut, aber an Tagen wie diesen spürte ich die Säfte wieder in mir hochsteigen.
Jetzt musste ich nur etwas aus dieser Situation machen, die Gunst der Stunde nutzen, denn – mein Herz verdoppelte den Rhythmus – sie bremste plötzlich hundert Meter weiter, fuhr an den Straßenrand, blieb im Wagen sitzen und schien zu warten…
Geschickt eingefädelt, dachte ich und überschlug die Situation. Sollte ich winken? Auf mich aufmerksam machen? Ihr ein Zeichen geben, dass ich ihr Lächeln bemerkt hatte? Dass die Bedeutung ihres kurzen Augenaufschlags einem sensiblen Mann wie mir nicht verborgen geblieben war?!
Solche Chancen darf ein Mann nicht an sich vorbei rauschen lassen. Das war ein Wink des Schicksals. Wenn ich jetzt nicht zupacke, geht mir wahrscheinlich eine Chance verloren, die ich im Leben kaum noch einmal bekommen würde.
Ich lief los, nicht zu schnell, damit es nicht peinlich oder aufdringlich wirkte, aber doch zügig genug, um mich ihr zu nähern, ohne dass man mich für einen Hampelmann auf Freiersfüßen halten konnte. Der Schein musste gewahrt bleiben! Sie saß noch immer im Auto und tat so, als suche sie etwas im Handschuhfach. Erfindungsreich wie Frauen eben sind. Ach, ich liebte diese subtilen Spiele.
Wie sollte ich sie ansprechen? Der erste Satz musste ihrer Persönlichkeit angepasst, musste allumfassend und durfte doch nicht übertrieben wirken.
„Hallo, Sie haben ein schönes Lächeln!“ werde ich mit einer lausbubenhaften Mischung aus Bescheidenheit und Wagemut sagen, das wirkt immer und schafft Vertrauen. Und sie wird mir antworten „Sie aber auch! Sie sind mir angenehm aufgefallen!“ Und schon war das Eis gebrochen. So einfach kann das mit der Liebe sein…
Als ich auf halber Höhe war, stieg sie plötzlich aus, ging um das Auto herum, schwenkte ihre Handtasche, schaute noch einmal in meine Richtung und ging dann zielstrebig auf das Geschäftshaus zu, dessen Eingang von zig Hinweisschildern auf Ärzte, Rechtsanwälte, Steuerberater und eine Model-Agentur gesäumt war.
Logisch!
Jetzt kam mir die Erkenntnis. Sie ist Model und hat ein Casting bei ihrer Agentur! Oder einen anderen wichtigen, unaufschiebbaren Termin. Und kann deshalb nicht auf mich warten. Wieso kam mir nicht gleich dieser Gedanke?
Abschätzend blickte ich die Hausfassade hoch, war aber nur für einen Augenblick verunsichert und beschloss sofort eine neue Strategie.
Ich werde ihr ein Briefchen schreiben, eine kurze Mitteilung an den Scheibenwischer stecken, und mich dann schräg gegenüber in das Terrassencafe setzen und einfach warten bis sie wieder heraus kommt. Es war ein sonnenwarmer Frühsommertag; die Gelegenheit für Liebeskontakte konnte kaum besser sein. Im Erdgeschoss war ein Schreibwarengeschäft und ich kaufte rosa Briefpapier und einen markanten Filzstift, der mir eine flüssige, überzeugende Handschrift erlaubte.
„Sie haben ein wunderschönes Lächeln!“ schrieb ich. „Danke, dass Sie es mir geschenkt haben! Darf ich Sie zu einer Tasse Kaffee einladen? Ich warte gegenüber auf der anderen Straßenseite im Cafe auf der Terrasse!“ Für alle Fälle schrieb ich noch meine Telefonnummer dazu. So, das war deutlich und doch nicht zu aufdringlich. Welche Frau kann soviel charmanter Kreativität widerstehen…
Von der Caféterrasse aus hatte ich den Hauseingang und das Auto im Blick. Ich tat ein bisschen gelangweilt, als würde ich mich lässig auf eine Zeitung konzentrieren, dabei schielte ich immer wieder nervös über die breite Straße mit dem lebhaften Verkehr.
Wie würde ich mich verhalten, wenn sie aus dem Eingang kommt und zum Auto geht? Aufspringen? Mit den Händen gestikulieren? Über die Straße laufen? Laut rufen? Wie ein Bauarbeiter, der vom Gerüst allem, was irgendwie nach Frau aussah, ordinär nachpfeift? Kein Risiko eingehen und sie nicht entkommen lassen?
Unsinn!
So etwas macht man nicht mit einer Klassefrau wie dieser! Die Sache ist doch sowieso klar und vorbestimmt. Sie wird das rosa Briefchen vom Scheibenwischer nehmen, wird es interessiert und dann auch ein wenig amüsiert lesen, sie wird lächeln und zu mir herüber schauen, und ich werde winken, ein kurzes, unaufdringliches Zuwinken; die Hand, nein, nur den Finger kurz heben, fast weltmännisch, wie ein Mann mit Selbstbewusstsein und Souveränität, und der Rest ergibt sich von selbst…
Und dann?
Dann werden wir reden. Über sie, über ihre Arbeit, über den letzten Film und vielleicht auch über die gesellschaftliche Entwicklung und die neuesten Wirtschaftsdaten oder sonst etwas, was nach Intelligenz und Wissen und Offenheit ausschaut und sich vom üblichen Smalltalk abhebt.
Nicht mit der Tür ins Haus fallen, aber doch mit Bedacht abtasten, wie weit die gemeinsamen geistigen Interessen gehen könnten, die letztlich auch zu jener Vereinigung führen werden, die, – hmm -, das Wasser floss mir im Mund zusammen und ließ meine Fantasie Purzelbäume schlagen. Dass die Chancen gut für mich standen, war doch bereits aus ihrem ersten Lächeln vor einer halben Stunde zu erkennen…
Nach einer weiteren halben Stunde trat sie aus dem Haus.
Endlich! Befreites Aufatmen und Herzflimmern zugleich!
Aus der Nähe war sie noch schöner! Dieses Kleid! Diese Haltung! Diese Eleganz! Und diese Weiblichkeit! Sie schaute sich um. Aha, sie sucht mich, hofft auf den verpassten Flirt von vorhin! Kann ihn aber noch nicht entdecken. Kein Wunder! Aber gleich, gleich werde ich mich zu erkennen geben!
Sie ging auf das Auto zu und schloss die Wagentür auf. Jetzt! Jetzt musste sie das Liebesbriefchen sehen! Aufdringlicher und unübersehbarer als ein Verkehrsknöllchen klebte es an der Windschutzscheibe. Aber Liebe macht blind – sie sah es nicht, setzte sich ans Steuer und ließ den Motor an.
Nun musste ich reagieren!
Abrupt stand ich auf. Unschlüssig und ratlos blickte ich über die Straße. Sollte ich mein Glück einfach so davonfahren lassen? Ich hob den Arm. HALLO HIER! Aber sie hatte die Parklücke verlassen und war bereits auf die Straße und auf den fließenden Verkehr konzentriert. Wieder flatterten ihre Haare und der seidenweiche Schal im Fahrtwind. Noch immer klebte die rosa Botschaft unter dem Scheibenwischer. Es musste ihr die Sicht nehmen. So etwas kann man nicht übersehen! Jetzt, spätestens jetzt wird sie aufmerksam werden! Sie wird anhalten, aussteigen, das Briefchen lesen, und die ganze Situation war gerettet…
Sie gab Gas, fügte sich, schneller werdend, geschickt und souverän in den Verkehr ein und betätigte die Scheibenwischanlage. Unbarmherzig rasten die Scheibenwischer über die Windschutzscheibe. Boshaft wie aus giftigen Schlangenhälsen spritzte das Wischwasser auf das rosa Briefchen. Es löste sich, wirbelte durch die Luft über die Straße; andere Autoreifen erfassten es, schleuderten es erneut hoch, bis es verloren wie ein kleiner, verschmutzter Papierflieger im Staub der Straßenrinne landete.
In diesem Moment klingelte mein Handy. Es war meine Frau. „Wo bleibst du denn?“ fragte sie. „Ich warte mit dem Essen auf dich!“
„Ich bin hängengeblieben! Mehrere U-Bahnen sind ausgefallen!“ log ich und versicherte ihr: „In einer Viertelstunde bin ich zu Hause!“

4 x Kurzprosa

HEUCHLER:
Sonne. Meer. Strand.
Kerle umturteln sie.
Haare blond. Brüste groß. Lachen schrill.
„Wie oberflächlich!“ denkt er verächtlich.
Er bohrt seinen Blick in die FAZ.
Seinen Ständer bohrt er in Sand.

*
EINSAMKEIT UNTERWEGS:
Nachtregen.
Im Scheinwerfer Gestalt zum Erbarmen.
Ich bremse.
Öffne einladend die Wagentür.
„Nein, danke …“ Schüchtern winkt er ab.
Schlurft weiter mit nassem Rucksack.
Ohne Leine den Hund an seiner Seite.
Und ich denke:
Schrecklich, diese Einsamkeit!

*
AUGEN-BLICKE:
Straße im Regen.
Eigentlich Trüber Frust-Tag.
Plötzlich ein Lächeln aus der Menge.
Augen-Blick mit Herzenswärme.
Ich habe wieder Lust
auf Leben.

*
UNENTSCHLOSSEN:
SIE sagt „Nimm dein Leben in die Hand!
Beib‘ am Ball, geh‘ auf dein Ziel zu!“
ER schlittert übers nasse Spielfeld,
überlegt, ob er den Ball treten,
oder der Pfütze ausweichen soll.

Kleine und große Fische (Schriftsteller unter sich)

Um zehn Uhr war ich mit meinem Agenten an seinem Messestand verabredet. Einen Termin mit einem Buchagenten auf der Frankfurter Buchmesse zu bekommen, das war wie ein Hauptgewinn im Lotto.
Gerade waren meine ersten Sachbücher veröffentlicht worden, nun hoffte ich vor allem auf den Einstieg in die Belletristik. Wir kleinen Fische wühlen uns durch alle Tiefen des Autorenlebens und freuen uns über die kleinste Aufmerksamkeit der Agenturen. Die Buchmesse liebt die Verlage, jedoch weniger die aufdringlichen Autoren, die auf der Suche nach „Möglichkeiten“ die Stände der Verlage bevölkern und Agenten und Verleger bis zur Verzweiflung belästigen.
Aber jetzt war ich hier, mit Herzklopfen und vielen Vorschlägen und Ideen. Geduldig wartete ich am Stand meines Buchagenten, als ein Mann mittleren Alters hinzukam, nervös auf die Uhr schaute, sich – ohne mich zu beachten oder zu grüßen – neben mich stellte und ein Manuskript aus seiner Aktentasche holte, in dem er aufmerksam blätterte. Der Fremde war schmalbrüstig, von ziemlich kleinem Wuchs, hatte lichtes Haar, eine von Falten gerunzelte Stirn; er schaute oft auf seine Uhr und trat von einem Fuß auf den anderen.
‚Aha!’ dachte ich. ‚Noch so ein armes Schwein wie ich, das man hierher bestellt hat und das jetzt ungeduldig wartet, um für sein erstes Manuskript einen Verlag zu finden. Wahrscheinlich hat er den gleichen Agenten wie ich, den berühmten Sowieso, der sich Unpünktlichkeit erlauben und uns kleine Fische hier wie den letzten Dreck warten lassen konnte.
Ich hatte Mitleid mit dem vermeintlichen Kollegen, wie er immer nervöser herumgockelte und die Ankunft des Agenten kaum erwarten konnte. Ich wollte ihn beruhigen und sagte: „So ist das mit den großen Agenturen! Uns kleine Lichter lassen sie warten! Wir müssen schon froh sein, wenn wir überhaupt einen Termin bekommen!“ Fast hätte ich ihm jovial auf die Schultern geklopft.
Der Mann schaute mich an, als würde ich von einem anderen Stern kommen. Seine Augen blinzelten hinter den dicken Brillengläsern Unverständnis. Seine Brauen zogen sich teils verwundert, teils empört zu noch mehr Stirnfalten nach oben. Er setzte zu einer Antwort an, sagte „Ich …,“ aber dann zitterte sein Mund und er verschluckte die Worte.
‚Na, der ist aber ganz schön von sich eingenommen!’ dachte ich, wollte ihn aber weder beleidigen noch entmutigen und meinte vermittelnd: „Wahrscheinlich haben Sie ein vielversprechendes Manuskript anzubieten?! Jedenfalls wünsche ich Ihnen Erfolg und alles Gute!“
„Um zehn Uhr bin ich hier mit Sowieso verabredet! Jetzt ist es bereits fünf nach zehn!“ sagte er plötzlich in Englisch. Die Empörung in seinen Augen stieg zum Siedepunkt. Ich fand das ein bisschen kleinlich, ja sogar lächerlich, wollte aber höflich sein und sagte freundlich und kollegial: „Mein Termin ist auch um Zehn, aber wenn Sie es eilig haben, lasse ich sie gerne vor …“ In Wirklichkeit wollte ich nur, dass dieser ungeduldige Wicht schnell wieder verschwindet und mein Agent dann mehr Zeit für mich und meine „Werke“ hat.
Als das Männlein gerade sagte: „Sie wissen wahrscheinlich nicht, wen Sie …“, kam unser Agent, dick und behäbig schnaufend, den Korridor entlang und zwängte sich durch die Publikumsmenge.
Ich ging ihm entgegen, streckte die Hand zum Gruß aus und – er schoss an mir vorbei, mit rotem Kopf und Schweißperlen auf der Stirn, ging direkt auf den kleinen Mann zu, öffnete weit beide Arme, als wolle er den Mann herzlich umschlingen und rief überschwänglich in Englisch: „Mister Kishon! Es ist mir ein Vergnügen! Bitte entschuldigen Sie, mein lieber Freund! Ich weiß, ich bin zu spät. Ich bin überaus unglücklich, dass Sie warten mussten!” Damit lenkte er Kishon in den Stand und bugsierte ihn auf einen Sessel.
Nach ein paar Minuten bemerkte mich unser Agent doch noch irgendwie, denn ich stand wie ein belämmerter Esel an der Ecke des Messestandes. Er blickte kurz zu mir herüber und rief erkennend: „Ahh, Sie sind es! Rufen Sie mich doch nach der Messe mal im Büro an, ich will sehen, ob ich etwas für Sie tun kann…“

„Herr Kaulbach sucht eine Frau“

Die Frühlingssonne hatte die Menschen erwärmt. Mit jedem Sonnenstrahl kehrte Aufbruchsstimmung und neue Lust am Leben zurück. Vögel zwitschern zwischen den noch nackten Ahornbäumen und sauber renovierten Fachwerkhäusern. Die Obstbäume blühen bereits. Bei Kaulbach gegenüber ist eine Wohnung freigeworden. Im Café Florian am Marktplatz sind die Gartenstühle draußen; die kroatische Kellnerin Jana ist noch eine Spur freundlicher als sonst. Auch der alte Kaulbach sehnt sich nach Wärme und mehr. Er grübelt über einem Stück Papier.
„Gut erhaltener Endsechziger sucht eine letzte große Liebe. Oder eine liebe Nachbarin!“ Soll er das so polemisch formulieren? Oder doch besser mit mehr realen Angaben? Vielleicht auch ein paar allegorische Garnierungen dazu? Wie wäre es mit „Mann, 69/184/95, nach langer Berufstätigkeit jetzt Rentner, finanziell unabhängig, zuverlässig, humorvoll, tolerant, begeisterungsfähig, allem Schönen aufgeschlossen, vielseitig interessiert, mit besonderer Vorliebe für Musik und Natur, möchte sich noch einmal verlieben und sucht Dame passenden Alters und mit ähnlichen Interessen für gute Nachbarschaft oder gemeinsamen Lebensweg!“
Kaulbach überlegt: Kann man sich mit solchen banalen und abgedroschenen Phrasen, die alles und nichts aussagen, kann man sich damit öffentlich in einer Zeitungsannonce anpreisen? Klingt irgendwie peinlich? Aber vielleicht muss man heutzutage solche Plattheiten benutzen, um Erfolg zu haben? Der Zweck heiligt die Mittel! Was in der Werbung für Tütensuppen oder Haarspray erfolgreich angewendet wird, müsste doch auch für eine Werbebotschaft bei der Partnersuche gelten?! Besonders im fortgeschrittenen Alter, wenn man den Nachteilen auf die Sprünge helfen und sie mit geschickt gewählten Worten in Vorteile umwandeln muss. Warum sollten solche Phrasen nur Parlamentsdebatten und Wahlwerbung oder den Werbespots im Fernsehen vorbehalten sein? Wir sind doch längst auf allen Ebenen auf Worthülsen konditioniert.
Vielleicht bei der Altersangabe ein bisschen mogeln und das Passfoto von vor fünf Jahren schicken? Jenes gelungene Foto mit dem lustigen, unbeschwerten Lächeln, das noch Optimismus, Zuversicht und positive Lebenseinstellung ausdrückt und nichts von der schleichenden und unbarmherzigen Fortschreitung des Alterns zeigt. Aber was passiert dann beim ersten Rendezvous? Wenn die übertünchte Reparatur zur Besichtigung ansteht?! Die grauen Haare bräunlich tönen? Und was macht man mit den Krähenfüßen um Augen und Mundwinkel und dem beginnenden Doppelkinn? Einfache Behandlung mit Nivea hilft da nicht mehr. Scheißspiel! Unzufrieden legt Kaulbach den Kugelschreiber hin. Schreibt man gleich die Wahrheit, sinken die Chancen auf null. Trägt man aber zu dick Kosmetik auf, muss man nachher zittern, weil auch der schönste Kitt irgendwann abbröckelt. Niemand kann in einem potemkinschen Dorf auf ewig den Blender spielen. Ganz abgesehen von dem Stress, der mit dieser Lügerei verbunden ist.
„Letzte große Liebe!?“ Wie sich das anhört! Ist das oberflächlich oder tiefsinnig? Kann eine Frau daraus eine Schlussfolgerung ziehen? Wird sie ahnen, welche subtile Bedeutung, welche realistische und gleichzeitig beängstigende Erkenntnis hinter diesem Satz steht? Oder wird sie in unerfüllbare Träume verfallen, wie die Leserin bunter Zeitschriften, die in Wartezimmern ausliegen? Klingt „letzte“ gar wie eine Drohung, eine Mahnung, eine Erinnerung daran, dass wir den Zenit überschritten haben und es in ein paar Jahren oder schon morgen zu Ende sein wird; ein letztes Aufbäumen vor dem Abschied für immer? Eine Hoffnung, rührend und verzweifelt zugleich.
Du bist zu zimperlich, denkt Kaulbach. Warum lege ich alle Worte auf die Goldwaage? Lerne doch erst mal eine kennen, und dann wird man irgendwie weiter sehen. Es muss ja nicht für den Rest des Lebens sein. Muss ich denn gleich eine ganze Kuh kaufen, nur weil ich ab und zu mal Appetit auf ein Glas Milch habe? Kaulbach grinst in sich hinein.
Was bedeutet die Phrase „Gut erhalten?!“ Noch einigermaßen in Schuss? Vorzeigbar? Vielleicht sogar „handwerklich geschickt“, sollte die angepeilte Dame ein Häuschen haben, an dem der verstorbene Ex bis zu seinem Tod gebastelt und noch ein paar Ausbesserungslücken für den Nachfolger gelassen hat.
Oder ‚Erotisch noch gut drauf‘? Wie „erotisch“ denn bitte? Was für die eine Frau Erotik ist, wird von anderen als aufdringlich oder gar als sexistisch oder pervers bezeichnet. Da soll sich einer bei den Frauen auskennen. Die Weiber wissen doch selbst nicht, was sie wollen. Oder soll er schreiben: „Ein gestandenes Mannsbild in den besten Jahren?“ Was sind denn „die besten Jahre“? Nicht mehr ganz taufrisch, aber verlässlich und ein guter Gesellschafter?
Ist er in seinem Alter überhaupt noch als „gut erhalten“ zu bezeichnen? Ist er wirklich noch der Traumprinz für eine Frau? Was ist denn traumhaft an ihm? Oder binden sich die Frauen nur aus Schutz vor Einsamkeit, wo man auf Äußerlichkeiten und sexuelle Potenz nicht mehr so achtet? Wäre doch ein denkbarer Weg: Ein Arrangement für den praktischen Lebensalltag von zwei einsamen Herzen? Machen solche Überlegungen nicht mehr Sinn und sind Grund genug für ein Zweckbündnis zweier Menschen? Auch wenn es nicht die große Liebe, sondern eine auf Vernunft und Toleranz basierende Partnerschaft wäre? Warum also Superlative im Bewerbungsschreiben, die sowieso niemand über einen längeren Zeitraum einhalten kann?
Kaum ein Mann stellt sich ehrlich diese Frage, und wenn, dann hat er auch gleich die Antwort parat: „Logisch bin ich noch ein Pfundskerl! Was denn sonst?“ Oder soll er zugeben, dass schon hundert Wehwehchen an ihm nagen? Lieber wird er den Bauch einziehen und mit der Hand die Halsfalten bügeln und ein spitzbübisches, keckes Lausbubengrinsen versuchen, dass er vor über dreißig Jahren in einem Robert-Redford-Film gesehen hatte. Wenn er nicht gerade zu den schüchternen Zweiflern und Weicheiern gehört, denen es ohnehin krankhaft an Selbstbewusstsein mangelt. Im Gegensatz zu jenen, die nach dem Motto „Wer nicht wagt, der nicht gewinnt“ anbaggern. Aber wo ist der gesunde Mittelweg? Selbstkritische Betrachtungen gehören selten zu unseren Stärken. Kaulbach lacht in sich hinein. Eine ironische Selbsterkenntnis überkommt ihn; wie bei einem Trinker, der noch nicht völlig betrunken ist, aber bereits so viel intus hat, dass er Wahrheiten viel deutlicher erkennt als jeder Nüchterne.
Kaulbach ertappt sich dabei, wie er sich mehr und mehr in diese in Sarkasmus übergehende Ironie flüchtet. Als würde sie helfen, den Übergang ins Altern zu erleichtern und ihn vor dem großen Frust bewahren, der die meisten von uns befällt, egal ob wir’s wahr haben wollen oder verdrängen. Wir spielen noch mannhaft August den Starken, obwohl wir schon fast in der Kiste liegen und bilden uns ein, niemand würde es bemerken.
Aber sind bei Frauen Eitelkeit und Jugendwahn nicht noch ausgeprägter als bei uns Männern? Nicht das Sein, sondern der Schein bestimmt das Bewusstsein. Was erwartet Frau denn noch in diesem Alter? Was kann man mit Siebzig überhaupt von einer Partnerschaft erwarten? Kribbeln im Bauch? Schmetterlinge? Jeden Tag zweimal auf die Matratze? Noch mal richtig den Tiger herauslassen? Oder gemeinsam vor der Glotze hocken? Sich zusammen besaufen? Durch Museen latschen? Über die Nachbarn tratschen? Über Gustav Mahler und Franz Kafka diskutieren oder über Thomas Gottschalk und die Fürstin von und zu Dingsbums? Kreuzworträtsel lösen oder eine Fernreise mit dem Kreuzfahrtschiff?
Was will ER eigentlich? Nicht mehr alleine sein? Streicheleinheiten? Eine Haushälterin mit Hang zum Sentimentalen; halb brave Küchenfee, halb Femme Fatal und Blauer Engel?! Ein unverbindliches Techtelmechtel mit der Nachbarin? Oder gar endlich wieder mal richtigen Sex mit allem Drum und Dran? So wie früher! Wie denn das, wo die Kraft schon seit einer Weile nachlässt? Und mit wem? Mit einer Dreißigjährigen? Die lacht sich krank! Oder mit einer Gleichaltrigen? Als ob die es noch bringen würden. Die sind doch eingetrocknet, jenseits von Gut und Böse. Schau dir doch einmal diese grau melierten Dauerwellenzombies an, diese vernarbten und verhärteten Frührentnerwitwen mit ihren braven Blusen aus dem Versandhauskatalog und den Gesundheitsschuhen mit Fußstütze. Da sind die Mundwinkel Programm und das Goldene Blatt ersetzt den Brockhaus…
Und die anderen im Seniorenalter? Die modern Gestylten, Gelifteten, mit der kastanienroten Glanzhaartönung, die jetzt bei H & M junge Mode einkaufen oder sich sogar Paris oder Mailand als Wochenendtrip leisten? Die sind doch genauso alleine oder auf der Suche, dafür aber problematischer und anspruchsvoller als jede Aldi-Kassiererin. Vor den Gestylten, die auf ihr Äußeres achten und bewusst attraktiv sind, vor denen haben die Männer noch mehr Angst, als vor biederen Hausmütterchen.
Oder holen sich die Gestylten heute jüngere Kerle? Kerle, die’s bringen? Und er, Kaulbach, bringt ER es denn noch? Ein verdammt heikles Thema für Männer seines Alters. Da helfen keine großkotzigen Kneipensprüche weiter und kein Viagra. Alles Jägerlatein!
Kaulbach geht ins Badezimmer und räumt die Waschmaschine aus. Die Annonce erst einmal auf Eis legen. Er könnte auch mal ins Internet schauen. Aber sind Frauen in seinem Alter im Internet? Liebe per Email? Ist das nicht etwas für Verbalerotiker, die Angst vor Berührung haben? Er, Kaulbach, sucht die Berührung, hat Sehnsucht nach Zärtlichkeit, ja, er träumt sogar von richtigem Sex, und wenn es nicht mehr in der einen Form so gut geht, da gibt es doch zig andere fantasievolle Möglichkeiten; ja verdammt, darüber muss man doch mal mit jemand reden können.
Aber kann man das in einer Zeitungsanzeige so deutlich schreiben? Kann man schreiben, ich bin Siebzig und habe Lust auf Sex und Zärtlichkeit! Na, die Frau möchte ich erleben, die sich auf sowas meldet. Wann gibt es schon mal einen Sechser im Lotto? Meistens sind es doch nur ein oder zwei Richtige mit oder ohne Zusatzzahl, wenn überhaupt. Was soll er denn mit Nieten? Die letzte große Liebe deines Lebens darf kein Trostpreis sein! Sie muss dir einfach so über den Weg laufen und dann muss es aus heiterem Himmel krachen. „Bumm und Woww!“.
Diesen Treffer kann man nicht mit ein paar banalen Worten einfangen. Weder im Internet noch in einer Zeitungsanzeige. Oder gar beim Seniorenschwof auf dem Ball der einsamen Herzen, beim Disco-Fox, wo Scheidungsopfer aller Altersklassen eine zweite- oder dritte Ehe anpeilen. Halb Zeitvertreib mit Nervenkitzel, halb Zeitverschwendung mit Frust. Aber die Hoffnung stirbt zuletzt. Auch wenn sie aus Phrasen und Schablonen besteht.
Was drücken ein paar Millimeter Anzeigentext aus? Wie kann man sich in wenigen Worten beschreiben? Es mag für den Anfang reichen; aber wie geht’s dann weiter nach dem ersten Rendezvous? Kinobesuch und Blumen? Jeder Depp kann Blumen schenken! Je größer der Strauß, umso größer die Zuneigung? Im Restaurant französisch speisen? So tun, als ob man etwas von Wein versteht und Süßholz raspeln? Mit der Wahrheit und unseren kleinen Fehlern warten bis zuletzt? Hoffen, dass die Schmetterlinge flattern, lange bevor die Dame am Lack der Realitäten kratzt?
Kaulbach hängt die nassen Klamotten auf den Wäschehalter an der Wand. Der Kram wird über Nacht trocknen; morgen oder irgendwann in den nächsten Tagen wird er die Hemden kurz überbügeln, den Rest wird er ungebügelt in den Schrank legen oder in die Regale hineinstopfen, ganz wie ihm danach ist. Niemand kann ihm in seinen Alltag hineinreden.
Nein, ein Hausmütterchen braucht er nicht! Er ist die letzten drei Jahre seit Annas Klinikaufenthalt gut alleine über die Runden gekommen, ist weder verhungert noch im eigenen Dreck erstickt, hat seinen Haushalt im Griff. Anna ruft seit ein paar Wochen wieder an. In immer kürzeren Abständen. Er ist freundlich und hat Mitleid mit ihr. Er leidet mit, im wahrsten Sinn des Wortes. Aber Mitleid ist keine Liebe und auch keine Grundlage dafür.
Anna will zu ihm zurück. Sie hat es nicht direkt gesagt, aber Kaulbach spürt es und hat Angst davor. Er wird es nicht mehr schaffen. Die Liebe ist weg, und auch die Kraft. Alkohol ist eine Katastrophe für alle Beteiligten und unheilbar. Auch wenn Anna zuletzt von der geschlossenen Abteilung in die halb offene verlegt worden war und jetzt auf Wohnungssuche ist. Kaulbach wird sie nicht mehr bei sich aufnehmen. Anna weiß es. Sie haben darüber gesprochen. Aber ob Anna es auch einsieht? Wenn Seele und Kopf angefressen sind, gehört die Unberechenbarkeit zum Überraschungsprogramm.
Kaulbach schaut in seinem Arbeitszimmer auf den Computer. Bunte Fenster schweben über den Bildschirm. Er geht in die Küche und blickt suchend in den Kühlschrank. Er könnte die Pellmänner von gestern in dünne Scheiben schneiden und als Bratkartoffel knusprig rösten und vielleicht ein Schnitzel aus dem Gefrierfach und eine Tomate als Salat aufschneiden und etwas Mayo hinzu und eine Flasche Bier. Das Leben kann so unkompliziert sein.
Viktor ist noch einfacher zu befriedigen. Kaulbach öffnet eine Büchse und kratzt das Futter in den Fressnapf. „Komm Viktor! Hamham!“ ruft er. Viktor kommt träge aus seiner Ecke hinter dem Fernseher hervorgeschlichen, wedelt mit dem Schwanz und reibt seine Schnauze an Kaulbachs Knie. Kaulbach grault der Promenadenmischung den Hals. Viktor beugt sich über den Napf und beginnt zu schmatzen. Um Acht schielt Kaulbach mäßig interessiert ins Wohnzimmer auf das Flimmern der Fernsehnachrichten.
Das Leben ist träge geworden wie zäher Teig. Was haben wir aus den Jahren gemacht? Welche Möglichkeiten haben wir noch? Es ist, als würden wir auf das Sterben warten und zwischendurch zum Zeitvertreib noch ein bisschen Theater spielen, auch wenn sich das mehr und mehr zur Schmierenkomödie entwickelt. Kaulbach ist verbittert und auch ungerecht und flüchtet sich in Sarkasmus. Er weiß es. Aber es gibt solche Stunden. Und sie werden zahlreicher! Was kann man dagegen tun?
Kaulbach ordnet das Geschirr in das Gitter der Spülmaschine und säubert mit einem Schwamm das Abflussbecken. Er trocknet seine Hände, schaut sich noch einmal prüfend in der Küche um und geht ins Wohnzimmer. Als er sich unschlüssig vor den Computer setzen will, klingelt es an der Tür. Kaulbach blickt verwundert auf die Uhr und öffnet.
„Anna!“
Kaulbach ist erstaunt und irritiert.
„Störe ich?“ fragt Anna und bleibt unsicher vor der Tür stehen.
„Nein!“ Ein langgezogenes, zögerndes Nein. Dann fügt er hinzu: „Das heißt, ich meine …“. Kaulbach findet keine klaren Worte. Anna hatte sich halb um-gedreht, so als wollte sie wieder gehen. „Doch, ich störe! Man sieht es dir an!“
„Nun komm’ erst einmal herein!“ sagt Kaulbach und greift wie automatisch nach Annas Arm. Zögernd folgt Anna und setzt sich an den Küchentisch. Sie ist müde, denkt Kaulbach mit einer wieder aufkeimenden Zuneigung. Erschrocken fragt er sich, ob es Mitleid oder noch Liebe ist. Tränen tropfen aus Annas Augen. Kaulbach holt ein Taschentuch und tupft sie ab. Mit der anderen Hand berührt er ihre Haare; erst zögernd, fast hilflos nähert er sich, aber dann greift er zu und seine Hand streichelt warm und fest über Annas Kopf, wie hundertmal zuvor und Kaulbach erschrickt und gleichzeitig überkommt ihn ein Gefühl von Vertrautheit.
„Ich habe gehört, die Wohnung bei dir gegenüber ist frei geworden“, sagt Anna leise. Kaulbach denkt einen Augenblick nach, dann antwortet er: „Ja, sie ist frei. Die beiden jungen Leute sind ausgezogen. Die Wohnung ist zu klein für zwei, aber ausreichend für eine Einzelperson…!“
Sie schauen sich an, schweigen und wissen nicht weiter…